21. März 2026
Amaro
Der italienische Name Amaro bedeutet wörtlich „bitter", doch Amaro umfasst ein breites Spektrum an Geschmacksrichtungen, von leicht-süsslich bis intensiv herb. Hochprozentiger Neutralalkohol wird mit Kräutern, Wurzeln, Rinden, Beeren, Früchten, Blättern und Blüten aromatisiert und anschließend mit Wasser verdünnt. Manche Varianten enthalten auch Wein als Basis.
Die Geschichte reicht weit zurück: Schon zu Zeiten des alten Ägypten und der Antike legte man Kräuter in Wein oder Alkohol ein. Im europäischen Mittelalter waren es vor allem Mönche in Klöstern, die diese Praxis weiterentwickelten, als Medizin mit streng gehüteten Rezepturen. Bereits im 12. Jahrhundert dokumentierte die Schola Medica Salernitana in Salerno systematisch, wie Pflanzenstoffe in destillierten Alkohol einzulegen sind. Mit der Erfindung des Buchdrucks verbreitete sich das Wissen über Destillation. Gleichzeitig brachten Handelsrouten und Entdeckungsreisen neue Gewürze nach Europa, durch die zunehmende Verfügbarkeit von Zucker entstanden immer mehr aromatische Kräuterliköre, die zunehmend nicht nur als Medizin, sondern auch als Genussmittel konsumiert wurden. Während der Renaissance wurden solche Liköre sogar an europäischen Höfen serviert.
Nach dem Ende vieler feudaler Strukturen verbreitete sich die Herstellung aromatisierter Spirituosen in ganz Europa. Im 19. Jahrhundert entwickelte sich daraus eine kommerzielle Industrie. Viele heute bekannte Marken entstanden damals als Familienbetriebe, darunter Ramazzotti (1815), Averna (1868) und Montenegro (1885). Durch die Industrialisierung konnte Amaro erstmals in grösserem Massstab produziert und exportiert werden.
Obwohl Italien der Ursprung und wichtigste Markt bleibt, wird Amaro heute weltweit hergestellt, von Deutschland über Dänemark bis hin zu Mexiko. Die Grundidee bleibt dabei dieselbe wie einst in den Klosterapotheken: Pflanzen, Alkohol, Geduld.
Eine ähnliche Herkunftsgeschichte findet man übrigens auch bei vielen Schweizer Alpenbitter: Ein Vorfahre, oft ein Apotheker oder Pfarrer, entwickelte einst eine Kräutermischung als Hausmittel. Das Rezept geriet in Vergessenheit, wurde Jahrzehnte später in alten Archiven wiederentdeckt und schliesslich zu einem modernen Bitterlikör weiterentwickelt. So geschehen beim Glarner Alpenbitter, dessen Rezeptur 1918 von Pfarrer Künzli während der grossen Grippe-Epidemie zusammengestellt wurde und der nach fast 40 Jahren Pause wieder produziert wird. Ebenso unser neuester Zuwachs, der Altmaa Bitter von Philip Herrmann aus dem Toggenburg, der den Bitter seines Grossonkels, einem ehemaligen Drogisten, wieder hat aufleben lassen, sowie der Bergeller Alpenbitter aus Vicosoprano. Die Logik dahinter ist dieselbe wie beim Amaro: regionale Kräuter, tradiertes Wissen, und ein Produkt, das zwischen Medizin und Genuss nie ganz entschieden hat, was es lieber sein möchte.
Zurück zum Amaro: Wie so manche Entdeckung in unserem Sortiment fand auch der San Simone Amaro seinen Weg zu uns über die Ferien. Vor Jahren im Italienurlaub zum ersten Mal probiert, stand die Flasche seither gedanklich schon im Ladenregal. San Simone, gerne auch einfach «Sansi» genannt, gilt als der Amaro des Piemont schlechthin, war aber lange Zeit nur regional oder in ausgewählten Läden erhältlich. Nach mehreren Anfragen beim Produzenten hat es nun endlich geklappt und eine erste Lieferung ist bei uns eingetroffen.
Mit Rossi d'Angera aus der Lombardei und Cappelletti aus dem Trentino hatten wir bereits zwei tolle Produzenten im Sortiment, die wir über deren Amari kennengelernt hatten, mittlerweile aber noch einige andere ihrer Produkte führen. Mit San Simone decken wir nun das Piemont ab, mit einem Produzenten, der sich voll und ganz nur auf den Amaro konzentriert.
San Simone verdankt seinen Namen einer Mönchsbruderschaft, die im 16. Jahrhundert in Turin existierte, seine Rezeptur geht auf das Jahr 1583 zurück. Bis in die 1940er-Jahre wurde der Vorläufer des heutigen Amaros, damals noch als Depurativo San Simone, in Apotheken Turins und des Piemont verkauft. Anfang der 1950er-Jahre tauchte das Originalrezept in alten Archiven wieder auf, das fortlaufend angepasst wurde bis man bei der heutigen Rezeptur aus den 60er Jahren angelangt ist. Hergestellt wird er aus 39 Kräutern und Wurzeln, grösstenteils aus der Region, in derselben Fabrik, in der er schon damals produziert wurde.
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