John Barleycorn

Gedanken über Alkohol und die Welt



Rum in Madeira

16. Dezember 2020

Wer heute an Rum denkt, sieht meistens eine Karibikinsel vor seinem geistigen Auge. Jamaica, Kuba, Barbados oder Martinique sind nur einige Namen, welche einem beim Thema Rum gerne in den Sinn kommen. Das Zuckerrohr jedoch, die Grundlage für jeden Rum, war ursprünglich in Südostasien heimisch. Ein ganzes Stück entfernt also von den weissen Stränden der Karibik. Es wird gesagt «der Zucker folgte dem Koran - mit den Arabern kam das Riesengras nach Europa. «Heinrich der Seefahrer», der Schirmherr der portugiesischen Entdeckungsreisen, gab dann 1425 seiner Besatzung sizilianische Zuckerpflanzen mit, um diese auf dem kurz zuvor besiedelten Madeira anzupflanzen. Der Erfolg der daraus entstandenen Zuckerindustrie war riesig. Da Madeira eine wichtige Station auf dem Weg in die neue Welt war, wurden die Pflanzen und das Wissen in viele andere Länder weitergetragen. Dies führte bereits im 18. Jahrhundert zum langsamen Niedergang der lokalen Zuckerproduktion. Die neu eroberten Kolonien, allen voran Brasilien, waren noch viel ertragreicher und Madeira setzte vermehrt auf den Weinbau. Für diesen ist die Insel bis heute bekannt, doch der Rum, oder wie es hier heisst: «Aguardente de Caña», ist zu Unrecht etwas in Vergessenheit geraten. Dieses Getränk wurde auf Madeira schon konsumiert, als Kolumbus gerade mit den ersten Setzlingen in Richtung Amerika aufbrach und in der Karibik noch keine einzige Zuckerrohrstange wuchs. Madeira ist auch der einzige Ort, der nicht auf französischem Staatsgebiet liegt, seinem Rum aber die geschützte Bezeichnung «Agricole» geben darf. Dies, weil hier seit hunderten von Jahren der Rum direkt aus dem frischen Saft des Zuckerrohrs gebrannt wird, wie es heute auch in den französischen Überseedepartementen praktiziert wird. Rum aus Madeira kann irgendwo zwischen einem Rhum Agricole aus Martinique und einem guten Cachaça aus Brasilien eingeordnet werden. Mit ihm kann man einen wunderbaren Daiquiri oder einen «'ti Punch» mixen. Gelagert wird er oft in Madeira-Weinfässern und erhält so eine tiefe Komplexität